VI. Kreuzung

Der Bus fuhr lange. Die Ebene war wieder weit geworden. Der Wind lief neben ihnen her wie ein geduldiger Begleiter: bint ar-rīaḥ. Am späten Nachmittag sah Karim zuerst die Spuren. Er beugte sich nach vorne. "Da." David verlangsamte. Im Sand kreuzten sich Linien. Reifen. Hufe. Schmale Rillen von alten Karren. Nicht eine Spur. Viele. "Hier kommen Leute vorbei", sagte Karim.

Der Bus rollte weiter. Dann tauchten sie auf. Ein paar Zelte. Ein Brunnen aus dunklen Steinen. Zwei Karawanen, die gerade Rast machten. Kamele standen ruhig im Schatten. Ein alter Lastwagen parkte daneben. Niemand wirkte überrascht, als der Bus näher kam: als hätte man ihn erwartet.

Die Reisenden stiegen aus. Die Luft war wärmer als an der Oase. Menschen saßen im Sand, tranken Tee, redeten leise. Die Wege im Sand liefen zwischen ihnen hindurch wie Gedanken. Karim ging zuerst zum Brunnen. Sarah folgte ihm. Souad blieb stehen und sah sich um. David hörte zu. Die Stimmen klangen ruhig.

Jonah stand einen Moment am Rand der Kreuzung. Hier war Bewegung. Und doch fühlte sich der Ort nicht unruhig an. Etwas abseits saß ein alter Mann auf einer Holzkiste. Vor ihm lag eine große, gefaltete Karte. Der Wind hob eine Ecke an. Karim trat näher. "Ist das eine Karte?" Der Mann sah auf. Sein Blick war ruhig. "So ungefähr."

Karim zeigte auf die Linien. Sie kreuzten sich überall. Manche verliefen weit. Andere endeten plötzlich. "Von der Wüste?" Der Mann schüttelte leicht den Kopf. "Von den Wegen." David trat neben Karim. "Und wohin führen sie?" Der Mann lächelte kaum merklich. "Das hängt davon ab, wer sie geht." Jonah sah eine Linie, die einfach im Sand aufhörte. Der Mann bemerkte seinen Blick. "Nicht alle Wege werden zu Ende gegangen."

Niemand sagte etwas. Der Wind strich über die Karte. Die Linien bewegten sich leicht, als würden sie leben. Nach einer Weile fragte Sarah: "Gibt es hier eine Regel?" Der Mann faltete die Karte langsam zusammen. Dann sah er über die Ebene. "Eine." Er sprach ruhig. "Die Wüste gehört niemandem."

Der Wind lief kurz durch die Spuren im Sand. Dann sagte er: "Aber sie erinnert sich an jeden." David dachte: "Zwei Teile. Ein Gleichgewicht. Besitz - Erinnerung. Wie oft glauben Menschen , Orte oder Wahrheiten einfach besitzen zu können." Der Satz gefiel ihm. Er sagte nichts, aber merkte sich den Rhythmus. Ein sauberer Gedanke.

Souad sah hinaus in die Ebene. Für einen Moment wirkte es, als würde sie den Wind beobachten, nicht die Landschaft. Jonah war sichtlich unangenehm berührt: Wenn die Wüste sich erinnert, dann erinnerte sie sich auch an seine Wege, seine Fluchten und seine Versuche zu verschwinden. Für Sarah hingegen klang der Satz so, als würde die Welt sagen: Nichts geht wirklich verloren. Sie fand das beruhigend. Karim nickte nur, ohne irgendetwas zu sagen.

Die Reisenden standen einen Moment still. Die Wege liefen unter ihren Füßen weiter. Einige führten nach Westen. Andere nach Norden. Der Bus wartete.