Der Bus fuhr weiter durch den Morgen. Nach der Nacht war die Luft klar und kühl. Das Licht kam flach über die Dünen und legte lange Schatten auf den Sand, als hätte jemand Linien über die Ebene gezogen. Die Reisenden waren stiller als am Vortag. Die Nacht lag noch in ihnen - dieser große Himmel, der sich nicht sofort wieder schließen ließ. David fuhr langsam. Der Sand unter den Reifen war fest, und die Spuren, die der Bus hinterließ, hielten einen Moment länger, bevor der Wind sie wieder verwischte.
Zuerst war der Wind kaum zu spüren. Nur ein leises Gleiten über den Boden, ein kaum hörbares Rascheln von Sandkörnern, die sich verschoben. Doch je länger der Bus fuhr, desto deutlicher wurde die Bewegung der Luft. Der Wind kam aus der offenen Ebene. Er strich über den Sand und hob feine Linien aus Staub, die sich wieder legten: bint ar-rīaḥ war wach.
Der Bus begann leicht zu schwanken. Nicht stark - nur genug, dass David beide Hände fester um das Lenkrad legte. Er fuhr noch eine Weile weiter. Dann nahm er langsam den Fuß vom Gas. Der Bus wurde langsamer. Schließlich hielt er an. Der Motor verstummte. Der Wind blieb. Für einen Moment saßen alle still. Dann öffnete Sarah die Tür. Die Reisenden stiegen aus.
Der Wind war draußen stärker als im Bus. Er ging zwischen ihnen hindurch, zog an Jacken und Tüchern und ließ den Sand leise über den Boden gleiten. Die Ebene war weit. Keine Bäume. Keine Felsen. Nur Dünenlinien in der Ferne und der große Himmel darüber. Der Bus stand in der Mitte dieses Raums. Souad hob den Kopf zuerst. Der Wind fuhr durch ihr Haar, und für einen Moment lächelte sie leicht, als würde sie eine alte Bekannte wiedererkennen.
Sarah stellte sich neben den Bus und sah über die Ebene. David blieb bei der offenen Tür stehen. Karim ging ein paar Schritte vom Bus weg. Und Jonah schloss kurz die Augen. Zuerst war es nur ein Gefühl. Eine Verdichtung der Luft. Wie der Moment, bevor jemand spricht. Dann spürten sie es alle. Nicht als Stimme. Nicht als Gestalt. Sondern als eine Nähe, die plötzlich im Raum stand. Der Djinn war in der Nähe.
Der Wind bewegte sich weiter über den Sand. Doch zwischen den Böen lag etwas anderes. Eine Wärme. Ein Flackern. Jonah hörte das Wort zuerst. Loslassen. Doch diesmal blieb es nicht nur bei ihm. Souad spürte plötzlich eine Wärme in der Brust, als hätte jemand einen Gedanken ausgesprochen, den sie selbst schon lange kannte. Sarah richtete sich unwillkürlich auf. David drehte den Kopf leicht, als hätte jemand hinter ihm gesprochen. Karim blieb stehen.
Der Gedanke kam leise. Fast höflich. Du könntest einfach aufhören. Der Djinn sprach nicht laut. Doch der Satz war vollständig. Aufhören, Gewicht zu geben. Aufhören, Raum zu lassen. Die Welt würde sich auch ohne deine Güte bewegen. Karim sah über die Ebene. Der Gedanke war ruhig. Fast überzeugend. Vielleicht war Gleichgültigkeit wirklich leichter als Großzügigkeit.
Neben seinem Fuß bewegte sich etwas. Der Sand, den der Wind eben noch glattgezogen hatte, begann sich langsam zu vertiefen, als würde jemand dort stehen, dessen Füße man nicht sehen konnte. Karim sah hinunter. Der Abdruck war nur einen Moment da. Dann hob sich der Wind: bint ar-rīaḥ kam quer über die Ebene und nahm eine Handvoll Sand mit sich.
Die Körner trafen Karims Gesicht und zwangen ihn, den Kopf zu drehen. Als er wieder nach vorne sah, war der Abdruck verschwunden. Der Wind strich weiter über die Ebene. Der Djinn blieb. Doch seine Nähe war wieder ferner geworden. Die Reisenden standen noch eine Weile in der bewegten Luft. Niemand sprach aus, was sie gespürt hatten. Aber sie wussten jetzt ganz sicher, dass die Wüste nicht leer war.
David sah über den Sand. Dann öffnete er wieder die Tür des Busses. Einer nach dem anderen stiegen sie ein. Der Motor sprang an. Der Bus vibrierte kurz, als würde er den Atem der Wüste abschütteln. Dann setzte er sich langsam wieder in Bewegung. Der Wind folgte ihnen ein Stück. Und irgendwo zwischen den Dünen blieb etwas zurück, das weder ganz verschwunden war noch ganz geblieben.