Der Bus erreichte die Stadt am späten Nachmittag. Die Häuser waren aus Lehm gebaut, niedrig und still. Ein paar Türen standen offen. Jemand kehrte Sand aus einer Schwelle. Niemand fragte, wer sie waren. Der Bus hielt auf einem kleinen Platz. Der Wind bewegte ein loses Tuch an einer Wand.
Souad stieg als Erste aus. Sie ging eine schmale Gasse entlang, ohne zu wissen warum. Der Wind trug einen trockenen Geruch mit sich - Staub, Papier, etwas Altes. Dann sah sie das Haus. Es war etwas größer als die anderen, aber nicht auffällig. Neben der Tür war ein Satz in den Lehm geritzt: Wer hier liest, ist noch unterwegs. Souad strich mit den Fingern über die Buchstaben.
Dann trat sie ein. Der Raum war kühl. Regale standen an den Wänden, nicht ordentlich, eher gewachsen. Bücher lagen auf Tischen, auf Kisten, manche direkt auf dem Boden. Der Wind kam durch ein offenes Fenster und bewegte eine lose Seite. Souad ging langsam zwischen den Regalen entlang. Ihre Finger glitten über die Rücken der Bücher.
Schließlich blieb ihre Hand an einem Band stehen. Der Einband war dunkel und weich geworden von vielen Händen. Sie zog das Buch heraus. Beim Aufschlagen sah sie sofort die griechische Schrift in der Mitte der Seite. Doch die Ränder lebten. Arabische Wörter. Eine französische Bemerkung. Ein englischer Einwand. Verschiedene Hände. Verschiedene Zeiten. Das Buch war kein Buch mehr. Es war ein Gespräch.
Jonah trat näher. Sein Blick blieb an einer Randnotiz hängen. "Manchmal besteht Freiheit nur darin, nichts mehr festzuhalten." Er las den Satz noch einmal. Der Raum wurde für einen Moment stiller. Dann kam eine zweite Stimme, kaum mehr als ein Gedanke. "Ein kluger Leser", flüsterte der Djinn. "Er hat verstanden, dass Loslassen leichter ist." Jonah hob den Kopf.
Souad stand noch am Regal. Sie hatte nichts gehört. Aber die Luft im Raum war einen Hauch dichter geworden. Der Wind zog eine kleine Kurve über den Tisch und bewegte die Seite. Souad sah zu Jonah. "Manche Bücher sprechen lauter als andere."
Die Tür bewegte sich leise. David trat ein. Er sah zuerst die Regale. Dann Souad. Dann Jonah über dem aufgeschlagenen Buch. David trat näher. Er betrachtete die Seite. "Interessant." Er deutete auf den griechischen Text. "Hier steht eigentlich nur, dass Ordnung und Zufall zusammen die Welt bewegen."
Dann zeigte er auf den Rand. "Aber jemand hat daraus eine Lebensregel gemacht." David schloss das Buch nicht. "Dieses Buch ist kein Buch mehr", sagte er. "Es ist eine Diskussion." Er zog einen weiteren Band aus dem Regal. Er blieb einen Moment stehen, überflog einige Zeilen - und ging dann zum Fenster, wo mehr Licht war.
Draußen lag die Wüste still. Der Bus stand auf dem Platz wie ein Tier, das sich ausruhte. David las. In der Mitte der Seite stand: "Der Logos ordnet nicht die Welt. Er ordnet nur unser Verständnis von ihr." Darunter hatte jemand später geschrieben: "Darum sind wir immer unterwegs." David sah hinaus in die Wüste. "Vielleicht", sagte er leise.
Die Tür bewegte sich erneut. Sarah trat ein. Sie blieb kurz stehen. Überall Bücher. Sie lächelte. "Ich glaube, ich habe noch nie so viele Gedanken an einem Ort gesehen." Sie trat zum Tisch und las die Randnotiz. "Manchmal besteht Freiheit nur darin, nichts mehr festzuhalten."
Sarah schwieg einen Moment. Dann sagte sie ruhig: "Oder darin, etwas festzuhalten." Der Wind bewegte die Seite. Der Djinn hörte alles. Er hatte Jonah berührt. Doch jetzt betrachtete er Sarah. Sie hatte den Satz nicht diskutiert. Sie hatte ihn umgedreht. Der Djinn lächelte. "Diese hier", dachte er, "wird schwerer zu bewegen." Und genau deshalb gefiel sie ihm.
Der Wind glitt durch die Bibliothek. Seiten raschelten. Und zwischen den Regalen warteten noch viele Stimmen darauf, gelesen zu werden. Die Tür blieb einen Moment offen. Dann trat Karim ein.
Er blieb im Eingang stehen und ließ den Blick durch den Raum gehen. Bücher. Überall Bücher. Er sah Souad am Regal. Jonah am Tisch. David am Fenster. Sarah neben dem Buch. Karim trat langsam näher. Er betrachtete die aufgeschlagene Seite. Die vielen Randnotizen. Er las eine davon. Dann eine zweite. Schließlich sagte er ruhig: "Interessant."
Er sah zu David. "Menschen widersprechen einander seit Jahrhunderten." Er strich mit dem Finger über eine Randnotiz. "Und trotzdem schreiben sie weiter." Der Wind bewegte eine Seite. Karim sah kurz zum Fenster hinaus in die Wüste. Dann sagte er: "Vielleicht ist das der einzige Fortschritt." Eine Pause. "Dass wir unsere Irrtümer wenigstens aufschreiben." Der Djinn hörte das. Und lachte leise.