Der Bus fuhr lange durch die Ebene. Der Sand war hell, fast weiß im Nachmittag. Der Motor summte gleichmäßig, als hätte er sich an die Weite gewöhnt. Niemand sprach viel. Die Stadt der Bücher lag bereits hinter ihnen, doch etwas von ihrer Ruhe war im Bus geblieben. Karim saß vorne, den Ellbogen aus dem Fenster gelehnt. Dann richtete er sich plötzlich auf. "Moment." David nahm leicht den Fuß vom Gas. "Da vorne." Am Horizont war zunächst nur ein dunkler Fleck. Dann erkannte man Formen. Ein paar niedrige Palmen. Felsen. Ein dunkler Schatten zwischen ihnen. Karim lächelte. "Ich glaube, wir haben Glück."
Der Bus rollte näher. Die Palmen standen dicht um eine kleine Senke, in der Wasser lag - ruhig, glatt, fast unbewegt. David hielt den Bus am Rand der Felsen an. Die Tür öffnete sich. Die Reisenden stiegen aus. Die Luft war kühler als draußen in der Ebene. Karim ging zuerst zum Wasser. "Eine echte Oase", sagte er zufrieden. Sarah kniete sich hin und tauchte ihre Hände ein. "Kalt." Souad stellte sich unter eine der Palmen und sah nach oben in die Blätter. Der Wind bewegte sie kaum.
Nur David blieb noch einen Moment beim Bus stehen. Er hörte zu. Das Wasser war still. Die Palmen raschelten kaum. Und doch lag irgendwo im Klang des Ortes eine kleine Verschiebung. Wie ein Akkord, der einen Ton zu weit gezogen ist. David sagte nichts. Ein paar Schritte entfernt blieb Karim plötzlich stehen. Auf einem warmen Stein saß ein kleines Tier. Rund, mit kurzem Fell und dunklen Augen. Es bewegte sich nicht, sondern sah nur zum Bus hinüber. "Ein Klippschliefer", sagte Karim. Sarah trat neben ihn. "Allein?" Karim zuckte leicht mit den Schultern. Der Klippschliefer blinzelte einmal.
Der Nachmittag verging langsam. Die Reisenden verteilten sich zwischen Wasser und Schatten. Sarah füllte Flaschen. Karim untersuchte die Felsen, als würden sie ihm Geschichten erzählen. Souad ging eine Weile am Rand der Oase entlang, ohne Ziel. Jonah saß lange still. Der Bus stand zwischen den Palmen. Im Gepäckraum lagen die Koffer. Wenn der Wind über den Sand strich, vibrierten sie leicht, als antworteten sie einem fernen Rhythmus: bint ar-rīaḥ war da. Nicht sichtbar. Nur eine Bewegung zwischen den Blättern.
Am Abend machten sie ein kleines Feuer. Das Licht wurde weich. Die Palmen warfen lange Schatten über das Wasser. Karim saß auf einem Stein und sah hinaus in die Ebene. "Man könnte hier bleiben", sagte er nach einer Weile. Niemand antwortete sofort. Souad lächelte leicht. Sarah legte noch ein Stück Holz ins Feuer. David sah kurz zum Bus. Dann wieder ins Feuer. Der Klippschliefer saß noch immer auf seinem Stein: als würde er zuhören.
Die Nacht kam ruhig. Das Feuer brannte herunter. Die Stimmen wurden seltener. Einer nach dem anderen schlief ein. Der Bus stand dunkel zwischen den Felsen. Die Koffer lagen still. Jonah wachte auf. Er wusste nicht genau warum. Die Oase war still. Nur das Wasser lag im Mondlicht wie ein zweiter Himmel. Er stand auf und ging langsam hinüber. Der Sand war kühl.
Am Rand des Wassers blieb er stehen. Die Oberfläche war glatt. Dann kam das Flackern. Nicht stark. Nur dünn, wie ein Riss im Spiegel. Die Wärme in seiner Brust kehrte zurück. Dieser vertraute Sog. Der Gedanke kam leise: komm. Jonah kniete sich ans Wasser. Die Kühle lag ruhig zwischen seinen Fingern. Für einen Moment dachte er: Es wäre leicht. Einfach still werden.
Das Wasser bewegte sich kaum. Dann raschelte es zwischen den Felsen. Der Klippschliefer. Er saß dort im Mondlicht und sah zu Jonah. Nicht warnend. Nur aufmerksam. Als wollte er sehen, was geschehen würde. Der Wind strich kurz über die Oberfläche des Wassers. Der Riss im Licht verschwand. Jonah blieb noch einen Moment.
Dann stand er auf. Der Bus stand noch immer zwischen den Palmen. Die Schatten der Schlafenden waren im schwachen Licht zu erkennen. Jonah ging zurück. Hoch oben in den Palmen strich bint ar-rīaḥ ein letztes Mal durch die Blätter. Dann wurde die Oase wieder still.
Der Morgen kam langsam. Zuerst war nur ein helleres Grau zwischen den Palmen. Dann begann das Wasser wieder zu glänzen. Die Oase wirkte kleiner im Tageslicht. Karim wachte als Erster der Reisenden auf. Er setzte sich auf und sah sich um. Das Feuer war nur noch eine dunkle Stelle im Sand. Das Wasser lag ruhig wie am Abend zuvor. "Noch da", murmelte er.
Sarah bewegte sich im Schlafsack und setzte sich schließlich ebenfalls auf. Sie strich sich den Sand von den Händen. "Ich hatte vergessen, wie still Wasser in der Wüste sein kann." Souad saß schon unter einer der Palmen. Sie sah hinaus in die Ebene, als hätte sie dort etwas erwartet. David trat aus dem Bus. Er blieb kurz stehen und hörte. Die Palmen klangen wieder normal. Das Wasser auch. Die kleine Dissonanz war verschwunden. Oder vielleicht hatte sie sich nur versteckt.
Jonah kam zuletzt aus dem Bus. Sein Blick ging kurz zum Wasser. Die Oberfläche war ruhig. Nichts flackerte. Nur der Himmel lag darin. Er sagte nichts. Karim streckte sich. "Also", sagte er schließlich, "wenn das kein guter Rastplatz war." Sarah lächelte. "War es." Souad strich etwas Sand von ihrem Ärmel. "Vielleicht ein bisschen zu gut." Niemand widersprach.
Sie packten langsam zusammen. Flaschen wurden gefüllt. Das Feuer wurde mit Sand bedeckt. Die Palmen bewegten sich kaum, bint ar-rīaḥ zog eine kurze Spur über den Rand der Oase, als wollte der Wind prüfen, ob noch jemand geblieben war. Der Bus stand schon bereit. Die Koffer lagen wieder still im Gepäckraum.
Als der Motor ansprang, sah Karim noch einmal zu den Felsen hinüber. Für einen Moment glaubte er, dort oben den Klippschliefer wieder zu sehen. Das Tier saß auf seinem Stein und blickte zur Oase hinunter. Dann fuhr der Bus los. Die Palmen wurden kleiner. Das Wasser verschwand zwischen den Felsen. Bald war nur noch die Ebene da, und die Oase wartete wieder.